>>Was Philosophie sei und was sie wert sei, ist umstritten. Man erwartet von ihr außerordentliche Aufschlüsse oder lässt sie als gegenstandsloses Denken gleichgültig beiseite. Man sieht sie mit Scheu als das bedeutende Bemühen ungewöhnlicher Menschen oder verachtet sie als überflüssiges Grübeln von Träumern. Man hält sie für eine Sache, die jedermann angeht und daher im Grunde einfach und verstehbar sein müsste, oder man hält sie für so schwierig, dass es hoffnungslos sei, sich mit ihr zu beschäftigen. Was unter dem Name der Philosophie auftritt, liefert in der Tat Beispiele für so entgegengesetzte Beurteilungen.<< (K. Jaspers) [Arno Anzenbacher; Einführung in die Philosophie; 7. Auflage 2010]
>>Mit philosophischen Gedanken weiterzukommen bedeutet nicht unweigerlich, die Wahrheit zu enthüllen und freizulegen. Bereits der Begriff der Wahrheit ist uns heute vielfach suspekt. So sind wir in manchem klüger geworden, aber deshalb noch lange nicht weise. Oder mit Robert Musil gesagt: >>Wir irren vorwärts!<< [Richard David Precht; Erkenne die Welt; Eine Geschichte der Philosophie – Band 1; 2015]
>>Die Selbsteinschätzung der Philosophie zeigt gleichwohl eine bemerkenswerte Bandbreite zwischen reflektierter Bescheidenheit auf der einen und höchstem Bedeutungsanspruch auf der anderen Seite. Philosophie wird aufgefasst als Bewusstsein des Nichtwissens (SOKRATES), als Schau überzeitlicher und überweltlicher Urbilder oder >>Ideen<< (PLATON) oder schlichtweg als >>Wissenschaft<< (ARISTOTELES). Sie beschäftigt sich mit den höchsten und letzten Fragen nach Gott und nach dem ewigen Heil in einem Leben nach dem Tode (THOMAS VON AQUIN), kritisiert aber auch die Religion (FEUERBACH, FREUD). Philosophie setzt auf Verstand (DESCARTES) und Erfahrung (LOCKE), sie plädiert für Aufklärung (KANT). Philosophie tritt auf als der Ort, in dem eine absolute Vernunft zu sich selbst kommt (HEGEL), als pessimistische Weltsicht (SCHOPENHAUER) oder im Modus einer radikalen quasiästhetischen Lebensform (NIETZSCHE). Philosophie versteht sich als revolutionäre Theorie (MARX) oder als >>Projekt<< einer emanzipatorischen Moderne (HABERMAS). Sie zielt aber andererseits auch auf die Präsenzerhaltung orientierender Traditionen und Üblichkeiten (LÜBBE, MARQUARD). Die Lehren der großen Philosophen erscheinen so als >>Gigantenkampf<< (PLATON) großer und aufregender Entwürfe, an denen wir in unseren Versuchen, uns selbst und die Welt zu verstehen, nicht vorbeigehen können.<< [Volker Steenblock; Geschichte der Philosophie; 2. Auflage 2019]
>>Holt man die Philosophie aus dem elfenbeinernen Turm ihrer Entfremdung, so erweist sie sich als das Schicksal des Menschen. Der Mensch ist von Geburt zur Philosophie verurteilt.
Da wir als Kinder geboren werden und von den sinnlichen Dingen mancherlei geurteilt haben noch ehe wir den vollen Gebrauch unserer Vernunft hatten, so werden wir durch viele Vorurteile von der Erkenntnis des Wahren abgewendet. Diese Vorurteile können wir, so scheint es, nur los werden, wenn wir einmal im Leben geflissentlich an allem zweifeln, worin sich auch nur der kleinste Vedacht der Unsicherheit findet. […] Verwerfen wir aber auf diese Weise alles irgendwie Zweifelhafte und denkbarerweise Falsche, so lässt sich zwar leicht annehmen, dass kein Gott sei, kein Himmel, kein Körper, dass wir selbst weder Hände noch Füße noch überhaupt einen Körper haben, aber es lässt sich nicht annehmen, dass wir, die wir all das denken, nichts sind. Denn es widerspricht sich, dass ein denkendes Wesen im Augenblick, wo es denkt, nicht existieren solle. Demnach ist diese Erkenntnis „ich denke, also bin ich“ (corgito ergo sum) von allen die erste und sicherste, die jedem begegnet, der methodisch philosophiert. (Princ., I, 1 u. 7; WW VIII, 5 ff.)
Bei I. KANT (1724-1804) lesen wir (KdpV. A 288 f.): Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen außer meinem Gesichtskreise suchen oder bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz. Das Erste fängt von dem Platze an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über Welten und Systemen von Systemen, über dem noch in grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist. […] Der erste Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit als eines tierischen Geschöpfs, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurückgeben muss, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der Zweite erhebt dagegen meinen Wert, als einer Intelligenz, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart. […]<< [Arno Anzenbacher; Einführung in die Philosophie; 7. Auflage 2010]
>>Theoretische und praktische Fragen: Wer die Ordnung zu einem Studienprogramm im Fach Philosophie an einer beliebigen deutschen Universität zur Hand nimmt, begegnet der Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Philosophie. Die Einteilung geht auf Aristoteles (384-322 v. Chr.) zurück, den großen Systematisierer. Er unterschied theoretische und praktische Philosophie anhand ihrer Ziele: Das Ziel der theoretischen Philosophie sei das Verstehen, das der praktischen Philosophie das Handeln. Theoretische Fragen, so meinte Aristoteles, gehen wir aus reinem Erkenntnisdrang nach und nicht aus praktischen Interessen, praktische Fragen stellen wir dagegen, wenn wir wissen wollen, wie wir handeln sollen. Demnach gibt es zwei Perspektiven auf die Welt. Der Theoretiker betrachtet die Welt und eventuell den eigenen Ort in ihr (gr. theorein: betrachten), der Praktiker sucht sie und möglicherweise auch sich zu verändern (gr. prattein: handeln, machen).<< [Johannes Hübner; Einführung in die theoretische Philosophie; 2015]
>>Die Frage nach der Natur von Geist und Bewusstsein gehört seit über zweitausend Jahren zu den zentralen philosophischen Problemen. Platon und Aristoteles befassten sich eingehend mit der menschlichen Seele, ihrem Wesen, ihren Teilen und Vermögen. In Descartes‘ Denken stand die Seele (oder der Geist) im Mittelpunkt, sie wurde von ihm als eine Entität aufgefasst, die eine eigene Art von Substanz darstellt und mit dem physischen Organismus in Wechselwirkung steht.<< [Volker Gadenne; Philosophie der Psychologie; 1. Auflage 2004]
>>In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die neu entstandene Psychologie in das heilige Zimmer der Philosophen eingedrungen und hatte den Geist versachlicht – als Gegenstand von Experimenten. Mit Sigmund Freuds Psychoanalyse wird es nun noch drastischer. Das Bewusstsein wird entmachtet; das Unbewusste übernimmt die Herrschaft über den Menschen und fordert die altehrwürdige Vernunftphilosophie brutal heraus. Psychoanalyse wird zur Modedisziplin der Zeit, und aus Erkenntnistheorie wird Selbsterkenntnistheorie.<< [Richard David Precht; Mache die Welt – Eine Geschichte der Philosophie IV; 1. Auflage 2023]