>>Realwissenschaften erforschen ihre Teilbereiche, indem sie Beschreibungs- und Begründungszusammenhänge aufweisen. Wir können allgemein drei charakteristische Merkmale der Realwissenschaften aufzeigen, die in den verschiedenen Wissenschaften freilich sehr verschieden realisiert sind. Realwissenschaften sind immer
- empirisch, d.h. ihr Gegenstand ist ein Teilbereich der Erfahrungswelt. Die Beschreibungs- und Begründungszusammenhänge, die aufgewiesen werden, sind im Teilbereich bestätigungsfähig und übersteigen den Teilbereich nicht. […] Wir können >>Empirie<< mit >>Erfahrung<< übersetzen. Alles in der Erfahrungswelt objektiv Gegebene ist empirisch. Dabei verwenden wir >>empirisch<< in einem sehr weiten Sinne. Empirisch, d.h. in der Erfahrung gegeben, sind nicht nur die Teilbereiche der Natur, sondern auch (Quellenmaterial) historische Fakten, bestimmte Sprachen, Kunstwerke, menschliche Verhaltensweisen, gesellschaftliche Strukturen, Rechtsordnungen und wirtschaftliche Prozesse. Im Aufweis ihrer Begründungszusammenhänge erklären die Realwissenschaften immer Empirisches durch anderes Empirisches.
- thematisch reduziert, d.h. Ihr Thema (Gegenstand) wird auf einen bestimmten Gesichtspunkt (Aspekt) hin eingeschränkt (reduziert), während andere Gesichtspunkte unbeachtet bleiben, sowie
- methodisch abstrakt, d.h. ihr Thema kommt nur in der Weise in den Griff der Forschung, den die Methode zulässt; was sich dem Zugriff einer bestimmten Methode entzieht, ist nicht Thema; es wird davon abgesehen (abstrahiert.) Wir verdeutlichen die Ausdrücke >>thematisch reduziert<< und >>methodisch abstrakt<< durch ein Beispiel: Der Aufschwung der Naturwissenschaften zu Beginn der Neuzeit wurde durch einen neuen methodischen Zugriff möglich: durch die Mathematisierung (oder Metrisierung) der Phänomene. Man versuchte immer mehr, qualitative Bestimmungen auf quantitative zurückzuführen, d.h. messbar zu machen (z.B. Wärme, eine Qualität, durch das Thermometer zu messen und dadurch in Zahlen auszudrücken). Die Parole lautet: >>Alles messen, was messbar ist, und versuchen, messbar zu machen, was es noch nicht ist<< (G. Galilei, 1564-1642). Diese Tendenz führte zu einer neuen Art der Beobachtung und der experimentellen Überprüfung. Damit ist aber eine thematische Reduktion und eine methodische Abstraktion verbunden: Die >>exakt<< gewordene Naturwissenschaft erkennt Natur unter dem Aspekt der Messbarkeit. Ihr methodischer Zugriff bringt die Natur bloß in der thematisch reduzierten und methodisch abstrakten Form eines mathematischen Modells in Sicht. Die Natur selbst ist jedoch kein mathematisches Modell. Vom Unterschied zwischen Natur und Modell muss die >>exakte<< Naturwissenschaft jedoch absehen (abstrahieren), weil er sich dem Zugriff der Methode entzieht […].
Philosophie und Realwissenschaften
Der Aufweis der drei charakteristischen Merkmale der Realwissenschaften enthält keine Abwertung. Der enorme Fortschritt dieser Wissenschaften und der dadurch eröffneten technischen Möglichkeiten war nur möglich, weil sie sich im Sinne dieser Merkmale entwickelten. Wir müssen jedoch beachten, welche Probleme entstehen und wie die Philosophie zu diesen Problemen steht.
Das Verhältnis der Philosophie zur sogenannten positiven Wissenschaft lässt sich auf die Formel bringen: Philosophie stellt diejenigen Fragen, die nicht gestellt zu haben die Erfolgsbedingung des wissenschaftliches Verfahrens war. Damit ist also behauptet, dass die Wissenschaft ihren Erfolg unter anderem dem Verzicht auf das Stellen gewisser Fragen verdankt. (C.F.v. Weizsäcker 167)
Ein sehr alter methodologischer Grundsatz besagt, dass sich keine Wissenschaft selbst Objekt und Methode gibt. Die Frage etwa, wie der Historiker seinen Gegenstand festlegt und seine Methode bestimmt, ist selbst keine historische Frage. Der Standpunkt, von dem aus Objekt und Methode einer bestimmten Wissenschaft festgelegt werden, liegt immer außerhalb dieser Wissenschaft. Er liegt im Bereich eines vor-wissenschaftlichen Vorwissens. Dieses Vorwissen ist irgendwie ein Wissen um das Ganze und ermöglicht insofern die Ausgrenzung des bestimmten Objekts und der bestimmten Methode aus dem Ganzen. Wir kommen damit zu einer wichtigen Feststellung: Wir sahen […], dass die vorwissenschaftliche, alltägliche Erfahrung, das umgangssprachliche In-der-Welt-Sein, Ausgangspunkt der Philosophie sei. Wir sehen jetzt, dass auch die Realwissenschaften diesen Ausgangspunkt haben. Philosophie und Realwissenschaften setzen denselben Ausgangspunkt voraus: die vor-wissenschaftliche, alltägliche Erfahrung.
Empirische Fragen:
Wie viele Zähne hat der Eisbär? Wann schmilzt Kupfer? Wer entdeckte Australien? Wie schnell fallen Körper? Wie hoch ist der österreichische Erdölverbrauch? Welches Gift enthält der Knollenblätterpilz? Wie gefährlich sind Atomkraftwerke? Wer siegte in der Völkerschlacht bei Leipzig? Ist Ungarisch eine indogermanische Sprache?
Philosophische Fragen:
Warum ist Sein und nicht vielmehr nichts? Was ist Erkenntnis? Was ist Wahrheit? Gibt es Selbstbestimmung aus Freiheit? Was ist der Mensch? Was ist Leben? Worin besteht der Sinn des menschlichen Daseins? Was ist das sittlich Gute? Was ist Kunst? Hat Geschichte einen Sinn? Was ist Sprache? Existiert Gott?
Wir können nun den Unterschied beider aufweisen, indem wir auf die drei Merkmale […] zurückkommen:
- Realwissenschaften sind empirisch, da sie einen Teilbereich der Erfahrungswelt zum Gegenstand haben und in diesem Teilbereich bleiben: Im Aufweis ihrer Begründungszusammenhänge erklären sie Empirisches durch anderes Empirisches im Teilbereich. Die Philosophie geht zwar von der Erfahrung aus, bleibt jedoch nicht im Bereich der Erfahrung. Sie fragt nach den letzten Bedingungen und Gründen der Erfahrung bzw. der Erfahrungswelt und ihrer Teilbereiche. Sie geht von der Erfahrung aus und fragt, was der Erfahrung zugrunde liegt. Diese Bedingungen und Gründe der Erfahrung, um die es der Philosophie geht, sind gerade nichts Empirisches, keine Erfahrungsdinge neben andere Erfahrungsdingen. Der Philosophie geht es um die nicht-empirischen Bedingungen und Gründe des Empirischen, weil sich Empirisches durch anderes Empirisches letztlich nicht erklären lässt. Den Realwissenschaften dagegen geht es um die empirischen Bedingungen und Gründe des Empirischen. Ein Beispiel: Wenn die Naturwissenschaft fragt: Wie ist das Weltall entstanden? so fragt sie notwendig nach einem empirischen Begründungszusammenhang. Sie fragt nach etwas (im weitesten Sinne) Empirischem als Antezedensbedingung (Ursache) des Weltalls. Wenn LEIBNIZ als Philosoph fragt: >>Warum ist Sein und nicht vielmehr nichts?<<, so fragt er nicht nach einer letztlich ebenso seienden, empirischen Antezedensbedingung, sondern nach einem nicht-empirischen Grund des Empirischen. Wir können dasselbe auch in einer berühmten Formulierung von KANT ausdrücken: Philosophie fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung. Sie geht (wie die Realwissenschaften) von der Erfahrung aus. Sie fragt dann (getrieben durch Staunen und Zweifel): Wie ist Erfahrung möglich? Welches sind die Bedingungen, die Erfahrung möglich machen? Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung? Auch hier gilt: Diese Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung können nicht wieder Erfahrungsdinge unter anderen Erfahrungsdingen sein. Vielmehr meint die Philosophie: Die Erfahrung selbst erweist sich als bedingt; sie verweist auf Bedingungen, die Erfahrung möglich machen, selbst aber keine Erfahrungsdinge sind.
- Realwissenschaften sind thematisch reduziert; da sie ihr Thema (Gegenstand) auf einen bestimmten Aspekt hin einschränken. Philosophie vollzieht sich nicht in thematischer Reduktion. Sie fragt nach den nicht-empirischen Bedingungen des Empirischen bzw. seiner Teilbereiche im Ganzen. >>Das Wahre ist das Ganze<< (HEGEL). Sie legt sich nicht auf einen bloßen Aspekt fest, sondern fragt nach dem Ganzen. Auch in den Teilbereichen (Mensch, Natur, Erkenntnis, Geschichte etc.) geht es ihr um das Ganze des Teilbereichs und die Bedingungen seiner Möglichkeit. Die einzelwissenschaftliche Anthropologie (=Lehre vom Menschen) ist beispielsweise in eine immense Vielfalt von Disziplinen aufgesplittert. Man spricht von biologischer, psychologischer, soziologischer und Kulturanthropologie, aber jede dieser Anthropologien hat einen ganz bestimmten Teilaspekt des Menschseins zum Thema, aber keine hat es mit dem Menschen als einem Ganzen zu tun. Eben darin liegt aber die Aufgabe der philosophischen Anthropologie: nicht einen bestimmten Teilaspekt am Menschen zu betrachten, sondern den Menschen in seiner Ganzheit zum Thema zu machen.
- Realwissenschaften sind methodisch abstrakt, denn ihr Teilbereich kommt nur so in ihren Griff, wie es ihre bestimmte Methode zulässt. Die Philosophie ist nicht methodisch abstrakt, da sie keine Methode voraussetzt, mit der sie an ihren Gegenstand herangeht. Die Methode der Philosophie ist vielmehr das Leben ihres Inhalts selbst, das Leben des Gegenstandes (HEGEL[…]), der nicht dem Zugriff einer ihm äußerlichen Methode ausgesetzt wird, sondern selbst der Philosophie die Methode vorschreibt.
Damit aber können wir einige wichtige Konsequenzen aufweisen: Die Realwissenschaften erforschen ihre Teilbereiche unter bestimmten Teilaspekten und in bestimmten Methoden. Daraus folgt, dass sie das Ganze gerade nicht kennen, da es nie Thema ihrer Forschung wird. A. HUXLEY zeigt das am Beispiel der Naturwissenschaften:
[…] als Darstellung der Wirklichkeit ist die naturwissenschaftliche Abbildung der Welt nicht ausreichend, einfach aus dem Grund, weil die Naturwissenschaft nicht einmal den Anspruch erhebt, sich mit Erfahrung schlechthin zu befassen, sondern nur mit bestimmten Ausschnitten und nur in bestimmten Zusammenhängen. Die eher philosophisch orientierten Naturwissenschaftler sind sich dessen wohl bewusst. Aber unglücklicherweise hatten einige Naturwissenschaftler, viele Techniker und vor allem die Konsumenten der vielen kleinen technischen Errungenschaften weder Zeit noch Interesse, den philosophischen Ursprüngen und Hintergründen der Naturwissenschaften nachzugehen. Infolgedessen akzeptierten sie in der Regel das in den naturwissenschaftlichen Theorien implizierte Bild der Welt als vollständige und erschöpfende Darstellung der Wirklichkeit; sie tendieren dazu, diejenigen Aspekte der Erfahrung, die die Naturwissenschaftler wegen mangelnder Kompetenz nicht berücksichtigen, so anzusehen, als seien diese irgendwie weniger real als jene Aspekte, die die Naturwissenschaft willkürlich durch Abstraktion aus der unendlich reichen Gesamtheit bestehender Tatsachen ausgesondert hat. (Huxley 28f.)
Daraus folgt weiteres, dass die Realwissenschaften auch die Tragweite nicht kennen, die ihren Aussagen im Ganzen zukommt. Die Bedeutung dieser Konsequenz spitzt sich mit der wachsenden Spezialisierung der Realwissenschaften zu. Die Wissenschaften, die den technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt ermöglichen, kennen nicht die Tragweite der durch sie entwickelten Technologien und Strukturen im Zusammenhang des Ganzen (z.B. Umweltbelastung, Veränderung des sozialen Gefüges etc.). Die einzelwissenschaftliche Pädagogik kann selbst nicht das Ziel der Erziehung bestimmten. Die Medizin erkennt immer mehr, wie wichtig es ist, den Menschen ganzheitlich zu sehen.
Man wendet dagegen ein, dass Realwissenschaften ja interdisziplinär zusammenarbeiten. In der Zusammenarbeiten komme dann das Ganze in Sicht. Es ist aber die Frage, ob man den Zusammenhang des Ganzen nach Art eine Puzzles bewerkstelligen könne. Die Stücke des Puzzles sind so gemacht, dass sie ein Ganzes ergeben. Zuerst war das Ganze da, dann die Stücke. Wenn aber die Realwissenschaften ihren Stellenwert im Ganzen nicht selbst bestimmen können, wie können sie sich dann interdisziplinär zum Ganzen zusammensetzen? Es scheint, dass nur die Philosophie in der Lage ist, vom Ganzen her den Einzelwissenschaften ihren Stellenwert im Ganzen zu zeigen. Der interdisziplinäre Dialog scheint nur als Dialog der Realwissenschaften mit der Philosophie zielführend zu sein.
Über das Verhältnis von Philosophie und Realwissenschaften zueinander gibt es wenigstens drei Auffassungen:
- Philosophie ist die Magd der Realwissenschaften, wie sie in manchen Schulen der Scholastik ancilla theologiae (= Magd der Theologie) war. Der Inbegriff der Realwissenschaften ist der Inbegriff der Wissenschaften überhaupt. Philosophie ist nur Analyse der realwissenschaftlichen Aussagen, Voraussetzungen und Methoden, also logische Analyse, Wissenschaftstheorie und Grundlagenforschung der Realwissenschaften. Man nennt diesen Standpunkt Szientismus (scientia = lat. Wissenschaft), weil er die absolute Autorität der Realwissenschaften und ihr Methoden behauptet.
- Philosophie setzt die Ergebnisse der Realwissenschaften voraus und verarbeitet sie zu Synthesen. Ergebnisse dieser Auffassung sind sogenannte >>wissenschaftliche Weltbilder<<. Auch diese Auffassung ist durch einen szientistischen Grundzug gekennzeichnet.
- Philosophie steht den Realwissenschaften und ihren Methoden autonom gegenüber. Philosophische Forschung ist von Grund auf verschieden von realwissenschaftlicher Forschung. Philosophie kann ihren Wissenschaftscharakter nicht unkritisch bei den Realwissenschaften entlehnen, sondern ihr Wissenschaftscharakter ist selbst ein philosophisches Problem. Philosophie ist keine empirische Wissenschaft, sondern nicht-empirische Wissenschaft vom Empirischen. Sie erforscht nicht Teilbereiche der Erfahrungswelt, sondern die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung im Ganzen. Nur so ist Philosophie in der Lage, das Ganze zur Sprache zu bringen und damit auch den Stellenwert der Realwissenschaften im Ganzen bestimmen zu helfen.<< [Arno Anzenbacher; Einführung in die Philosophie; 7. Auflage 2010]