Die Anfänge der wissenschaftlichen Psychologie

>>Obwohl sich Philosophen und Gelehrte seit dem 17. Jahrhundert intensiv mit den Funktionen von Geist, Seele und Körper beschäftigten, wird der Beginn der wissenschaftlichen Psychologie in der Regel erst auf das Ende des 19. Jahrhunderts datiert. Im Jahre 1879 richtete Wilhelm Wundt an der Universität Leipzig das erste psychologische Labor ein. Wundts labor-experimenteller Ansatz wurzelte in der Überzeugung, dass Geist und Verhalten genauso Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung sein können wie Planeten, Chemikalien oder die Organe des Menschen. Wundts eigene Forschungen betrafen vorrangig die Sinne und hier vor allem das Sehen. Er und seine Mitarbeiter untersuchten aber auch Aufmerksamkeit, Gefühle und Gedächtnisleistungen.

Wundt nutzte die Introspektion als Methode zur Untersuchung geistiger Prozesse. Introspektion bezieht sich auf die Beobachtung und Beschreibung der Beschaffenheit der eigenen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle. Beispielsweise berichten Menschen darüber, wie schwer sie ein Objekt empfinden oder wie hell ihnen ein Lichtblitz erscheint. Die Introspektionsmethode stammte aus der Philosophie, doch Wundt erweiterte sie um eine neue Dimension. Reine Selbstbeobachtung reichte nicht aus; sie musste um Experimente ergänzt werden. In Wundts Experimenten wurde eine physikalische Dimension eines Reizes, beispielsweise seine Intensität, systematisch variiert. Die Introspektion wurde dann zielgerichtet eingesetzt, um zu bestimmen, wie diese physikalischen Veränderungen das bewusste Reizerleben der Versuchsteilnehmer modifizierten.

Die wissenschaftliche Aussagekraft der Introspektion erwies sich jedoch insbesondere bei sehr schnell ablaufenden geistigen Prozessen und Ereignissen als äußerst begrenzt. Selbst nach ausgiebigem Introspektionstraining lieferten verschiedene Personen ganz unterschiedliche Introspektionsberichte über einfachste sensorische Erfahrungen; aus diesen Unterschieden ließen sich nur wenige gesicherte Schlüsse ziehen. Deshalb ist Introspektion für den derzeitigen kognitiven Ansatz in der Psychologie von untergeordneter Bedeutung. << [Atkinson und Hilgard; Einführung in die Psychologie; 14. Auflage 2007]