>>Die Philosophie kann entweder als Wissenschaft oder als eine Kunst angesehen werden. In der Tat ist es im Falle der Philosophie besonders schwer, sie einer der beiden Kategorien zuzuordnen, denn sie weist Ähnlichkeiten sowohl mit der Wissenschaft als auch mit der Kunst auf.
Einerseits scheint sie einer Wissenschaft ähnlich zu sein, insofern es in der Philosophie um die Wahrheitssuche geht. Es scheint, dass in der Philosophie durchaus Entdeckungen gemacht werden. Philosophen kennen daher wie Naturwissenschaftler die Begeisterung, die aus der Zugehörigkeit zu einem intellektuellen Abenteuer erwächst, das durch Kontinuität, Kooperation und die Erweiterung eines vorgegebenen Wissensbestandes geprägt ist. Trifft dies zu, muss der Philosoph die neuesten Veröffentlichungen kennen und mit dem Stand der Forschung Schritt halten. Gemäß dieser Auffassung haben wir Philosophen des 21. Jahrhunderts gegenüber den früheren Vertretern unseres Faches einen Vorteil. Zweifellos stehen wir auf den Schultern anderer großer Denker, doch wir stehen über ihnen. Wir haben Platon und Kant überholt.
Andererseits veralten die klassischen Werke in den Geisteswissenschaften nicht. Wir lesen heute nicht mehr Newton oder Faraday, wenn wir Physik oder Chemie, nicht aber ihre Geschichte, studieren wollen. Doch wir lesen die Werke Homers und Shakespeares nicht nur, um in Erfahrung zu bringen, welch seltsame Dinge den Menschen in längst vergangenen Zeiten durch den Kopf gingen. Dasselbe gilt, diese Meinung lässt sich durchaus vertreten, für die Philosophie. Wir lesen Aristoteles heute nicht aus Neugier an antiquierten Ideen. Die Philosophie ist im Wesentlichen das Werk einzelner Genies, und Kant hat Platon ebenso wenig abgelöst wie Shakespeare Homer.
Jede dieser Auffassungen enthält einen wahren Kern, doch keine von ihnen ist uneingeschränkt wahr oder kann beanspruchen, die gesamte Wahrheit darzustellen. Die Philosophie ist keine Wissenschaft und es gibt in ihr keinen „neuesten Stand“. Philosophie hat es nicht mit der Erweiterung des Wissens oder damit zu tun, neue Wahrheiten über die Welt zu finden. Der Philosoph ist nicht im Besitz von Wissen, dass anderen verwehrt ist. In der Philosophie geht es nicht um das Wissen, sondern um das Verstehen, d.h. um die Strukturierung des Wissens. Doch da die Philosophie allumfassend und ihr Feld so weit ist, ist die von ihr geforderte Strukturierung des Wissens so kompliziert, dass sie nur von einem Genie geleistet werden kann. Für all diejenigen unter uns, die keine Genies sind, besteht der einzige Weg, auf dem wir hoffen können, uns in die Philosophie einzuarbeiten, darin, dass wir uns in die Höhe der Ideenwelt eines der großen Denker der Vergangenheit strecken. [Anthony Kenny; Geschichte der abendländischen Philosophie; Band 1 – Antike; 2. Auflage 2014]