Philosophie als Wissenschaft

>>Für ihre Gründungsväter Platon und Aristoteles ist die Philosophie die Frage nach dem richtigen Leben. Um dieses zu leben, muss ich viel wissen. Und gesichertes Wissen erlange ich nur durch eine gut begründete und darum >>wahre<< Meinung. Folglich ist Philosophie in antiker Tradition so etwas wie die Wissenschaft vom Wissen. Aristoteles führte die logische Schlussfolgerung in die Philosophie ein und schuf damit die Voraussetzungen für wissenschaftliches Denken. Im Gefolge der beiden großen Griechen verstanden fast alle Philosophen bis ins 19. Jahrhundert hinein ihr Metier als Wissenschaft oder gar als eine Über-Wissenschaft über allen anderen Wissenschaften; das Dach, unter dem alle anderen Spezialwissenschaften zu Hause sind und das ihnen helfen soll, sich selbst erst richtig zu verstehen.

Dazu gehört, dass nahezu alle Philosophen bis zu Hegels Zeit davon ausgingen, dass es die Philosophie gibt, wie es ja auch die Mathematik und die Physik gibt. Insofern konnte Hegel seine Philosophiegeschichte – eine der ersten überhaupt – so schreiben, als ob dieses Gesamtbauwerk objektiv in der Welt existiere. Der Kitt des Ganzen war ein Baustoff namens Vernunft, von dem große Philosophen wie Immanuel Kant und Hegel glaubten, dass auch sie überzeitlich und objektiv sei. Folglich bestand alle Arbeit des Philosophen darin, die Welt vernünftig zu durchdringen, um damit zeitlos Wahres zutage zu fördern.<< [Richard David Precht; Erkenne die Welt; Eine Geschichte der Philosophie – Band 1; 2015]