Anaximander von Milet

>>Anaximander von Milet (610-546 v. Chr.) Er nahm nicht einen bestimmten Stoff, sondern ein Prinzip stofflich geistiger Art zur Bestimmung allen Seins an. Anaximanders wesentliche Bedeutung aber besteht darin, dass wir bei ihm dem ersten metaphysischen Satz des Abendlandes begegnen.

Im Gegensatz zu seinem Lehrer Thales hat er ein Buch geschrieben. Diesem wurde später der Titel >Über die Natur< gegeben. Angeblich hat er außerdem einen Gnomon erfunden, ein astronomisches Messinstrument, und diesen Vorläufer der Sonnenuhr in Sparta aufgestellt.

Von Anaximander stammt das berühmteste Fragment der Vorsokratiker. Es ist der erste metaphysische Satz des Abendlandes. Er benennt ein unbestimmtes Prinzip als den Urgrund allen Seins: das Apeiron. Griechisch peras bedeutet >>die Bestimmung<< oder >>die Grenze<<. In Verbindung mit der verneinden Vorsilbe a- könnte apeiron heißen: >>das Grenzenlose, das Unbestimmte<<.

Es scheint so, als ob Anaximander im Apeiron etwas Materielles gesehen hat, das er allerdings von den anderen stofflichen Elementen unterschied. Diese Auffindung eines Urstoffes außerhalb jedes menschlichen Begreifens bedeutete einen beträchtlichen Schritt hin zu einer ersten metaphysischen, d.h. einer >>über die Natur hinausgehenden<< Aussage, die auch in der Tat erfolgt.

Wir verdanken diese wertvolle Quelle dem Philosophen Simplikios (490-560), der 1000 Jahre nach Anaximander aus dem Werk des wichtigsten Aristoteles-Schüler Theophrast (371-287 v. Chr.) zitiert:

Simplikios: Unter denen, die das Eine sowohl bewegend wie unendlich angenommen haben,

Theophrast: [war] Anaximander, Sohn des Praxiades aus Milet, Anhänger und Nachfolger des Thales: er hat als Urgrund und Urelement der Dinge das Unbegrenzte (Apeiron) angesehen, als erster hat er diesen Begriff für den Urgrund gebraucht. Aber er hat weder das Wasser noch ein anderes der so bezeichneten Elemente als Urgrund angesehen, sondern eine gewisse andere unendliche Naturwesenheit, aus der alle Himmel entstanden seien und die Welten in ihnen. Aus welchem Stoff den jeweils entstandenen Dingen aber die Entstehung wird,

Anaximander, zitiert von Theophrast: dahin erfolgt auch ihr Vergehen gemäß der Notwendigkeit; denn sie zahlen einander Strafe und Vergeltung für ihr Unrecht nach der Ordnung der Zeit.

Simplikios: wie er es mit diesen eher poetischen Worten zum Ausdruck bringt.

(DK 12 A9/B1)

Was bedeutet aber, es geschieht, gemäß der Notwendigkeit? Und warum wird diese Notwendigkeit mit Strafe und Vergeltung begründet? Strafe – aber für welches Unrecht?

Aristoteles gibt in seiner >Physik< folgende Erklärung: Gegner kämpfen meist um die Vorherrschaft. Nun versucht jedes Element, seinen Bereich auf Kosten eines anderen zu erweitern. So stehen Wasser, Luft und Feuer mit ihren Eigenschaften in Feindschaft zueinander. Wäre eines der Elemente in seinem Drang, ohne Beschränkung zu sein, siegreich, würde das kosmische Gleichgewicht aus den Fugen geraten und jedes Leben wäre vernichtet. Deshalb herrscht eine Notwendigkeit, dieses Unrecht (unbeschränkt sein zu wollen) zu sühnen und den gegnerischen Elementen Untergang und neues Entstehen nach der Ordnung der Zeit zuzumessen.

Möglich ist aber auch eine von Aristoteles abweichende Deutung: Die Schuld besteht darin, dass ein jegliches Ding über das ihm gesetzte Maß hinaus im Dasein verharren will. Die Schuld an den anderen Dingen ist, dass das Maß ihnen den Raum verwehrt und ihnen so die Möglichkeit nimmt, ins Dasein zu treten. Das Alte hindert das Neue darin, ins Dasein zu gelangen, aber weil es sich damit an ihm verschuldet, bewirkt die Naturnotwendigkeit den Untergang und schafft so Raum für neues Werden.<< [Ralf Ludwig; Philosophie für Anfänger – von Sokrates bis Sartre – Ein Wegbegleiter durch die abendländische Philosophie; 2015]