Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis: Vorurteile

>>Warum bestehen gegenüber dieser Krankheit so viele Vorurteile?

Die Vorurteile gegenüber Patienten, die an einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis leiden, sind auf jahrhundertelangen Aberglauben und daraus resultierenden Missverständnissen zurückzuführen. Leider besteht aber auch heute noch in vielen Kreisen der Öffentlichkeit ein verbreitetes Misstrauen gegenüber psychisch Kranken. Dies beruht darauf, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft von allen Menschen eine Verständlichkeit ihrer Motive und eine absolute Verlässlichkeit ihres Verhaltens erwartet werden. Da diese Eigenschaften bei einigen Patienten mit einer schizophrenen Erkrankung vorübergehend nicht vorhanden sind, gelten diese Kranken häufig als unberechenbar, unzuverlässig und sogar gefährlich. Dazu kommt noch, dass in früheren Zeiten sehr viele Patienten mit derartigen Erkrankungen über lange Perioden ihres Lebens in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht und damit dem Blick der Gesellschaft weitestgehend entzogen waren. Die Angst vor psychiatrischen Anstalten und ihr ominöser Nimbus wurden auf die Patienten übertragen, die dort behandelt werden mussten. Außerdem gab es bis vor 60 Jahren noch keinerlei wirksame Behandlungsmethoden.

Heute haben sich diese Verhältnisse glücklicherweise grundlegend geändert. Die meisten schizophrenen Krankheiten bedürfen nur noch einer vorübergehenden klinischen Behandlung, der Patient kehrt danach wieder in die Gemeinschaft zurück. Die Akutbehandlung kann ambulant beim niedergelassenen Facharzt oder stationär in einem psychiatrischen Krankenhaus und den dort angegliederten Tageskliniken erfolgen. Sie vollzieht sich nach den gleichen Prinzipien wie sie in anderen medizinischen Bereichen üblich ist. Nach dieser Akutbehandlung sind die meisten Patienten wieder in der Lage, ihre früheren sozialen Beziehungen wahrzunehmen und am Arbeitsleben teilzuhaben. Leider sind dadurch die Vorurteile der Öffentlichkeit keineswegs völlig verschwunden. Aus diesem Grund hat der Weltverband der Psychiatrie (WPA) 1996 beschlossen, ein weltweites Programm gegen Stigma und Diskriminierung schizophren Erkrankter ins Leben zu rufen (Anti-Stigma-Kampagne). Diese mag auch damit zusammenhängen, dass der Begriff der Schizophrenie zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig mit einem chronischen Verlauf und einem ungünstigen Krankheitsausgang verknüpft wurde. Auch dies hat sich mittlerweile geändert. Man spricht nicht von der Schizophrenie, sondern von der Gruppe der Schizophrenien oder […] von dem Formenkreis der schizophrenen Erkrankungen. Damit ist gemeint, dass diese Krankheiten in sich keineswegs einheitlich sind. Es handelt sich vielmehr um eine gleichartige oder ähnliche Symptomatik, die nach heutigen Erkenntnissen die gemeinsame Endstrecke völlig verschiedenartiger Krankheitsursachen darstellt und in ihrem Verlauf verschiedenartig ist. Wenn man also heute vom Formenkreis der Schizophrenie spricht, meint man nicht die relativ kleine Kerngruppe schwerer Schizophrenien, sondern fasst unter diesem Begriff auch Randformen dieser Krankheit zusammen, die sich durch einen sehr viel günstigeren Verlauf auszeichnen. Teilweise werden sogar die sog. schizoaffektiven Psychosen zum Formenkreis der Schizophrenie gerechnet, obwohl diese Randformen der Krankheit durch viele atypische Merkmale gekennzeichnet sind und früher meist nicht zu den Schizophrenien gezählt wurden. Aus diesen Gründen ist die Bezeichnung „Formenkreis der Schizophrenie“ heute nicht mehr mit dem negativen Beigeschmack verbunden, der früher mit dem Terminus einherging. Die auch heute noch bestehenden Vorurteile gegenüber dieser Krankheit sind daher nicht mehr berechtigt.<< [Josef Bäumel; Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis; 2. Auflage 2008]