Voraussetzungslosigkeit der Philosophie

>>Philosophie setzt ausschließlich die umgangssprachlich erschlossene Erfahrungswelt voraus […]. Insofern spricht man von der Voraussetzungslosigkeit der Philosophie. Diese Voraussetzungslosigkeit muss vor allem in folgender Hinsicht betont werden: Philosophie kann ihre Methode nicht voraussetzen, sondern die Methode der Philosophie ist selber ein Problem der Philosophie. Die Frage also, wie das Philosophieren vorzugehen habe, kann nur durch die Philosophie selbst beantwortet werden. Darin unterscheidet sich die Philosophie von allen sogenannten Einzelwissenschaften. Während sich keine Einzelwissenschaft selbst ihr Objekt und ihre Methode bestimmt, muss sich die Philosophie selbst Objekt und Methode geben. Nur so ist sie voraussetzungslos und „erste Wissenschaft“. Die Methode der Philosophie kann ihr also nicht „von außen“ aufgepfropft werden, etwa von anderen Wissenschaften her, sondern im philosophischen Fragen selbst muss sich die Methode des Philosophierens ergeben.

Der strenge Formalismus der Mathematik und seine Anwendung in den „exakten“ Naturwissenschaften übten schon früh eine starke Faszination auf die Philosophen aus. B. SPINOZA (1632-1677) versuchte, fasziniert von dieser Exaktheit, more geometrico (=nach Art der Geometrie) zu philosophieren. Auch LEIBNIZ träumte von einer mathesis universalis (= einer exakten Einheitswissenschaft). Aber der Formalismus der Mathematik wie jener der Logik gründet in einer ganz bestimmten Abstraktion. Will Philosophie voraussetzungslos sein, so kann sie sich diese Abstraktion nicht unkritisch vorgeben lassen, sondern muss (als Philosophie der Mathematik bzw. der Logik) fragen, was diese Abstraktion bedeutet und wie es zu ihr kommt. Mit besonderer Deutlichkeit hat G.W.F. HEGEL (1770-1831) auf diese Voraussetzungslosigkeit hingewiesen:

In der Philosophie, so lehrt er, gehe es darum, „sich dem Leben des Gegenstandes zu übergeben oder, was dasselbe ist, die innere Notwendigkeit desselben vor sich zu haben und auszusprechen.“ Insofern ist die philosophische Wahrheit „die Bewegung ihrer an ihr selbst.“ Weil die Mathematik „den toten Raum wie das ebenso tote Eins zu ihrem Stoffe hat,“ vollzieht sich in der Anwendung mathematischer Methoden ein „Erkennen, das dem Stoffe äußerlich ist.“ Die Philosophie jedoch „darf sich nur durch das eigene Leben des Begriffs organisieren.“ Sie kann es in ihrem Bereich nicht zulassen, dass die Bestimmtheit derartiger Methoden „äußerlich dem Dasein aufgeklebt wird,“ sondern ihr geht es um „die sich selbst bewegende Seele des erfüllten Inhalts.“ (Phän., WW 2, 46-50)<< [Arno Anzenbacher; Einführung in die Philosophie; 7. Auflage 2010]