>>Die Stressreaktion ist eine sehr umfassende körperliche Antwort auf Belastungen, die alle wichtigen Organsysteme und -funktionen beeinflusst. […]
Gehirn Die Gehirndurchblutung wird gesteigert, die Nervenbahnen werden aktiviert. Das Gehirn ist wach und fokussiert. Die Sinnesorgane sind nach außen gerichtet, um neue Informationen aus der Umgebung blitzschnell aufnehmen und verarbeiten zu können. Gleichzeitig ist der Zugang zu Gedächtnisinhalten erschwert.
Atmung Die Bronchien erweitern sich und die Atmung wird schneller und flache Brustatmung dominiert über Zwerchfellatmung. Der Schwerpunkt der Atmung wird auf das Einatmen gelegt, während die Ausatmung weniger tief ist. Dies führt dazu, dass der Körper besser mit Sauerstoff versorgt wird.
Herz-Kreislauf Das Herz wird besser durchblutet und leistungsfähiger. Es schlägt schneller und kräftiger, sodass es mehr Volumen Blut pro Zeiteinheit in die Adern pumpen kann. Oft spüren wir das Herz regelrecht bis zum Hals pochen. Auch der Blutdruck steigt. Die Blutgefäße des Herzens, des Gehirns (roter Kopf!) und der großen Arbeitsmuskeln werden weiter gestellt. Gleichzeitig verengen sich die Blutgefäße der Haut, der Körperperipherie (kalte Hände und Füße!) und des Verdauungstraktes. Es kommt somit zu einer Umverteilung des Blutes mit dem Ergebnis einer verbesserten Durchblutung und Energieversorgung von Herz, Gehirn und Muskeln.
Muskulatur Die Durchblutung der Skelettmuskulatur wird verbessert und damit die Versorgung mit Sauerstoff und Energie in Form von Fetten zur Verbrennung in den Muskeln sichergestellt. Die Muskelspannung ist erhöht, besonders die der Schultern-, Nacken- und Rückenmuskulatur. Oft wird instinktiv der Schultergürtel hochgezogen, zum Schutz des empfindlichen Halses. Die Bauchdecke ist eher angespannt, um die Eingeweide zu schützen. Die motorischen Reflexe sind verbessert, ebenso die Reflexgeschwindigkeit. Alle diese Veränderungen dienen dazu, dass der Körper sich auf Muskelarbeit vorbereitet.
Stoffwechsel Zuckerreserven aus der Leber werden vermehrt in das Blut abgegeben und zum Verbrauch besonders für das Gehirn bereitgestellt. Fettsäuren aus den Fettvorräten des Körpers werden freigesetzt und zur Verbrennung in den Muskeln ins Blut abgegeben. Gleichzeitig wird die Verdauungstätigkeit von Magen und Darm gehemmt. Dies beginnt bereits damit, dass der Speichelfluss reduziert ist, was oft als „trockener Mund“ deutlich spürbar ist. Manchmal kommt es im akuten Stress auch zu starkem Harn- und Stuhldrang bis hin zu plötzlichen Durchfällen. Diese Reaktionen sind mitnichten Ausdruck einer gesteigerten Verdauungstätigkeit, sondern sie zeigen ein „Abschalten“ der Verdauungsfunktionen an. Der Körper entledigt sich gewissermaßen von überflüssigem Ballast. Insgesamt: Der Organismus stellt sich auf eine katabole Stoffwechsellage, d.h. auf Energieverbrauch ein, während anabole Stoffwechselprozesse, also solche Prozesse, die der Energiespeicherung dienen, gedrosselt sind.
Haut Energieproduktion erzeugt Wärme, die der Körper nach außen abgeben muss, um einer möglichen Überhitzung vorzubeugen. Das geschieht vor allem durch vermehrtes Schwitzen, bevorzugt an Händen, Stirn und Achseln.
Sexualität Das sexuelle Verlangen (die Libido) ist gehemmt. Auch die Genitalorgane werden weniger durchblutet. Die Freisetzung von männlichen wie weiblichen Sexualhormonen wird reduziert. Die Hoden des Mannes produzieren dadurch weniger Spermien und der Ablauf des natürlichen weiblichen Zyklus kann gestört, in extremen Fällen ganz unterbrochen werden. Insgesamt ist unter akutem Stress die Ansprechbarkeit auf sexuelle Reize eingeschränkt.
Immunsystem Unter akuter Stressbelastung kommt es zu einem Anstieg der natürlichen Killerzellen im Blut. Dadurch können Fremdkörper, die beispielsweise über offene Wunden oder Körperöffnungen in die Blutbahn gelangt sind, schnell erkannt und unschädlich gemacht werden. Aber bereits nach 30-60 Minuten werden die Immunfunktionen wieder gedrosselt, um eine überschießende Immunreaktion in Form von allergischen Reaktionen zu verhindern und Entzündungsreaktionen zu dämpfen.
Schmerz Durch die vermehrte Ausschüttung von körpereigenen Schmerzhemmstoffen, den Endorphinen, kommt es zu einer verminderten Schmerzempfindlichkeit bis hin zur sog. Stress-Analgesie, d.h. einer weitgehenden Unempfindlichkeit gegenüber schmerzhaften Reizen. Da die Endorphinspeicher jedoch begrenzt sind, hält diese schmerzhemmende Wirkung nur kurze Zeit an. Bei länger andauernden Stressepisoden kommt es daher zu einer verminderten Schmerztoleranz, d.h. einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit.<< [Gert Kaluza; Gelassen und sicher im Stress; Das Stresskompetenz-Buch: Stress erkennen, verstehen, bewältigen; 6. Auflage 2015]