>>Wie sind Psychosen zu verstehen und zu behandeln: als Transmitter-Mangelerscheinung oder als existenzielle Lebenskrise besonders sensibler Menschen, als Ausdruck eines ver-rückten Hirnstoffwechsels oder als extreme Möglichkeit menschlichen Verhaltens und Wahrnehmens? Oder gilt etwa beides zugleich? Und: Können wir dann die Spannung zwischen beiden Polen noch halten?
[…] Wer professionell mit Psychosen zu tun hat, muss um die mögliche Eigendynamik der Biochemie wissen; doch gleichzeitig dürfen wir deren Kontext nicht aus den Augen verlieren. Wir wissen, dass Menschen verschieden auf die Welt kommen (Genetik), aber wir wissen eben inzwischen auch, dass das genetische Potenzial unter Umständen erst durch krisenhafte Erfahrungen geweckt wird (Epigenetik).
Bei allem Respekt vor der somatischen Eigendynamik dürfen wir nicht aufhören, Psychosen als Ausdruck der tiefen seelischen Krise eines unverwechselbaren Menschen und als Ausdruck menschlicher Möglichkeiten überhaupt zu betrachten. Erst diese Spannweite zwischen pathologischer und anthropologischer Sicht gibt unserem professionellen Handeln eine solide Grundlage. Was bedeutet es, in der Wahrnehmung der eigenen Person und der Umgebung zutiefst verunsichert zu sein? Was brauchen wir, wenn unsere schützende psychische Haut durchlässig wird, wenn unsere persönlichen Grenzen verschwimmen, wenn gegenwärtige Wahrnehmungen und Gefühle, Spuren der Vergangenheit sowie in die Zukunft reichende Hoffnungen und Befürchtungen nicht mehr zu trennen sind, wenn Orientierung in Zeit und Raum nicht mehr gelingt? Wie kommt es, dass wir in Psychosen wahrnehmen und handeln wie im Traum – nur ohne den Schutz des Schlafes? Was bedeutet es, dass wir zurückgreifen auf die Art der Wahrnehmung eines kleinen Kindes, das alles auf sich bezieht?
Psychotisch werden kann jeder Mensch, doch die Wahrscheinlichkeit ist unterschiedlich hoch. Abhängig von der Dünnhäutigkeit und Sensibilität, mit der wir auf die Welt kommen oder die wir in frühen Zeiten entwickeln, bedarf es mehr oder weniger extremer Bedingungen, einer Überreizung und/oder einer umfassenderen Isolation. Psychotisch werden können Menschen in verschiedenen Konfliktsituationen und in allen Kulturen, vorrangig wenn innere und äußere Bilder und Anforderungen nicht mehr zur Deckung zu bringen sind.
In einer Psychose können vor allem Wahrnehmung und Denken wesentlich verändert sein; die Sinne gehen dann eigene Wege und das Denken wird sprunghaft (>>schizophrene<< oder präziser: >>kognitive Psychose<<). Oder aber es werden vorrangig die Stimmung und der Antrieb verändert, und zwar entweder extrem in eine Richtung (unipolar, also manisch oder depressiv) oder in beide Richtungen (bipolar, manisch und depressiv). Das geht so weit, dass auch die äußere Realität nicht mehr angemessen erfasst wird (>>affektive Psychosen<<).
Mindestens 1 Prozent der Menschen gehen mindestens einmal im Leben den erstgenannten Weg, etwa ebenso viele den zweiten (bipolare Störungen ohne psychotische Zuspitzung sind häufiger, je nach Definition wird mit 2-3 Prozent gerechnet). Es gehört ganz offenbar zum psychischen Repertoire des Menschen, an sich zu zweifeln und dabei auch zu verzweifeln, über sich hinauszudenken und sich dabei auch zu verlieren sowie in verwirrenden Phasen und Situationen aus der allgemeinen Realität herauszugehen und in eine zunächst unzugänglich scheinende eigene, innere Realität zu wechseln.<< [Thomas Bock; Basiswissen: Umgang mit psychotischen Patienten; 8. Auflage 2013]