Thales von Milet

>>Sein Verdienst ist es, die Frage nach einem umfassenden Prinzip des Seins als erster gestellt zu haben. Die Annahme einer einheitlichen Substanz, von Thales als materieller Grundstoff angesehen, war für ihn Voraussetzung dafür, dass Prozesse wie Werden, Sein, Bestehen und Vergehen überhaupt verständlich sind. Trotz massiver Ungereimtheiten führt daher der Denker aus Milet den Titel Vater der Philosophie nicht zu Unrecht.<< [Ralf Ludwig; Philosophie für Anfänger – von Sokrates bis Sartre – Ein Wegbegleiter durch die abendländische Philosophie; 2015]

>>Als Astronom trat Thales in Erscheinung, indem er die Sonnenfinsternis des Jahres 585 v. Chr. prognostizierte. Als Mathematiker beschäftigte er sich mit der Trigonometrie und berechnete beispielsweise die Höhe der ägyptischen Pyramiden; zudem schrieb er ein nautischen Handbuch für Seefahrer. Als Ingenieur lässt sich Thales betrachten, weil er einen Fluss umleitete, um so den Weitermarsch eines Heeres zu ermöglichen. Als Naturforscher kann man Thales insofern ansehen, als er sich mit der Frage auseinandersetzte, wie es in Ägypten zu den regelmäßigen Überschwemmungen des Nils kommt. Dass jemand auf so vielen Gebieten Herausragendes leisten kann, ist äußerst ungewöhnlich. Tatsächlich war Thales bereits in der Antike legendär, und sein Ruf als Gelehrter galt als sprichwörtlich. Nicht umsonst beginnt mit ihm die Reihe der <Sieben Weisen>: Er gehört (zusammen mit Pittakos, Bias, Solon, Kleoboulos, Myson und Chilon) zu den wichtigsten Exponenten der archaischen Moral und Lebenseinstellung in Griechenland. (Es handelt sich dabei um eine Moral des rechten Maßes und der Besonnenheit.) Nach einer Anekdote, die uns Aristoteles erzählt, betätigte sich Thales sogar als kluger Geschäftsmann: Er soll rechtzeitig vor einer üppigen Olivenernte sämtliche Ölpressen aufgekauft und dann gegen eine hohe Miete verliehen haben, um so zu beweisen, dass man auch als Philosoph zu Geld kommen kann (Politik I.11). Eher weltfremd wirkt er dagegen in der berühmtesten Anekdote, die sich um seine Person rankt: Als Thales eines Nacht den Himmel beobachtete und nicht darauf achtete, wo er hintrat, stürzte er in einen Brunnen – unter dem Gelächter einer thrakischen Magd, die ihn beobachtete (Platon, Theaitetos 174a). Die Magd bringt durch ihr Lachen den common sense-Verdacht zum Ausdruck, dass Philosophen durch ihre hochfliegenden Gedanken ihre Alltagstauglichkeit einbüßen.<< [Christoph Horn; Philosophie der Antike – Von den Vorsokratikern bis Augustinus; 2013]